„Als Frau im Fußball kannst du es niemandem Recht machen“

DISCOVER FOOTBALL will nicht nur für Frauenfußball, sondern auch für Gleichberechtigung, Emazipation und Frauenrechte stehen. Im zweiten Teil unseres Interview ging es deshalb weniger um Sportliches, als vielmehr um ihr politisches Engagement.

Teilnehmer von „Leidenschaft Fußball“ 2012 in Barsinghausen (Quelle: DISCOVER FOOTBALL)

Allgemein gefragt, wie passen Sport und Politik eigentlich zusammen?

Sport und Politik sind absolut verwoben und kann man, meiner Meinung nach, nicht von einander trennen. Der Sport war schon immer von politischen Interessen durchzogen. Fußballgroßereignisse werden instrumentalisiert von Politikern, aber auf eine subtilere Art und Weise. Gerade beim Fußball, als deutscher Nationalsport, wird das präsentiert, was in unserer Gesellschaft als Norm gilt. Männlich, weiß und hetero.

Alles, was von der Norm abweicht, wird versucht mittels Rassismus, Sexismus und Homophobie herauszuhalten. Deshalb finden wir, dass der Sport ein guter Ort ist um sich zu engagieren. Gleichzeitig kann man auch nutzen, dass der Sport immer noch unter dem Decknamen des Neutralen fundiert. So gewinnt man mehr Menschen für sich, die sich sonst eher nicht politisch engagieren. Es geht halt eher um Sport, als um direkte politische Einflussnahme.

Und so seid ihr dann auf die Idee von DISCOVER FOOTBALL gekommen?

Das war die allgemeine Motivation aber es steckt auch viel persönliches Interesse dahinter. Alle bei uns haben die Erfahrung gemacht, wenn sie einfach nur ihrer Leidenschaft nachgehen wollten, ständig dumme Sprüche zu hören und den Männern nachgestellt zu werden.

Sie mussten sich oft mit dem schlechteren zufrieden geben. Daraus zieht man die Motivation, wir verändern jetzt mal was. Wir versuchen den Sexismus im Fußball zu bekämpfen. Wir haben dann ganz unten angefangen uns international zu vernetzen und haben festgestellt, dass viele Frauen auf der Welt, die Fußball spielen, das irgendwie betrifft.

Die meisten haben ähnliche Probleme mit dieser männlichen Domination. Da kam schlussendlich die Frage auf, wie man sich gegenseitig helfen kann.

 

Apropos Unterordnung. Ihr habt auch einen eigenen Fußballverein gegründet, den DFC Kreuzberg.

Ja, wir sind jetzt fast 60 Mitglieder, befinden uns aber noch in der Findungsphase, da es uns erst seit einem Jahr gibt. Ein harter Kern ist schon vorhanden, ansonsten herrscht noch eine Menge Fluktuation.

In naher Zukunft wollen wir auch eine Mädchenabteilung aufbauen. Einfach um eine Alternative zu bieten. Viele Mädchen fühlen sich wohl in gemischten Teams, aber es gibt auch einige, die Hemmungen haben mit Jungs zusammen zu spielen und trauen sich aus diesem Grund nicht zum Fußball.

Zudem haben wir eine Vereinskultur, die basisdemokratisch ist, die alle Frauen ermutigt nach Ämtern zu streben und sich einzubringen. Wir zahlen Schiedsrichterinnen- und Trainerinnenausbildungen für unsere Spielerinnen, wenn sie das möchten.

Wir sind nämlich der Auffassung, dass es nicht nur darum geht, dass immer mehr Frauen spielen, sondern auch darum Verantwortungsposition zu bekleiden.

 

Wie kommt man eigentlich mit den ganzen Teams in Kontakt? Welche Möglichkeiten nutzt ihr dazu?

Wir nutzen alle Kanäle, die sich uns bieten. Zum einen haben wir inzwischen ein relativ großes Netzwerk und lernen darüber immer wieder Menschen kennen.

Zum anderen nutzen wir auch viele persönliche Kontakte. Ein Mitglied unserer Gruppe hat ein Praktikum in Saudi Arabien absolviert und dort eine Frauenmannschaft kennengelernt. Anderes Beispiel, die Libyerinnen. Diese haben wir über eine Filmemacherin kennengelernt, die einen Film über sie dreht.

Unsere Ausschreibungen schicken wir zudem an die Goethe-Institute oder andere Stiftungen, die in den Ländern aktiv sind oder an die Sportministerien und nationalen Verbände, in der Hoffnung, dass diese an die Vereine, NGOs oder Schulen weitergeleitet werden.

 

Gibt es Länder, mit denen ihr euch in jedem Fall noch vernetzen wollt?

Eine gute Frage. Spontan fallen mir China und Russland ein, da es dort eine recht lebhafte Frauen-Fußballszene gibt. Das wir zum Beispiel in Saudi Arabien ein Team gefunden haben, dass auch sehr engagiert ist, war aber mit Sicherheit einer der größten Erfolge für uns.

 

 

Was für Projekte sind in Zukunft geplant?

Wir träumen natürlich alle von Brasilien. Es ist sowieso geplant noch mehr in andere Länder zu reisen um uns dort zu vernetzen und Projekte zu realisieren. Zudem haben wir

Expertinnenforum in Berlin (Quelle: DISCOVER FOOTBALL)

inzwischen ein sehr großes Netzwerk aufgebaut, dass man auch bedienen und aufrecht erhalten muss.

Es muss überlegt werden, wie die ganzen Spielerinnen, Trainerinnen, Funktionärinnen, die wir inzwischen kennen, sich auch untereinander vernetzen und dadurch von einander profitieren können. Aus diesem Grund arbeiten wir gerade an einem Handuch zum Thema Frauenfußball und Empowerment. In diesem kommen sehr viele Frauen, gerade aus dem Nahen Osten und Nordafrika, zu Wort.

Auch unser virtuelles Netzwerk soll ausgebaut werden. Ziel ist es, dass sich dort alle Teams, die wir kennen, mit einem Profil vorstellen und miteinander kommunizieren können.

Im letzten November veranstalteten wir ein Expertinnenforum in Berlin, welches sehr guten Anklang fand. Gerne würden wir das wiederholen, eventuell mit einem Schwerpunkt Europa oder ähnlichem. An Ideen mangelt es in keinem Fall.

 

Wir Deutsche sind ja gerne die, die meinen bei uns ist alles besser. Ist dem so?

Es ist auf gar keinen Fall besser in Deutschland, was auch nicht unser Ansatz ist. Wir sagen niemandem „schaut her, bei uns ist alles toll und wir zeigen euch wie das geht“.

Unsere Arbeit ist vor allem aus der eigenen Erfahrung heraus entstanden, wie schwer es hier in Deutschland ist für Frauen Fußball zu spielen.

Ich denke es gibt überall auf der Welt ähnliche Probleme, die mit patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zusammenhängen aber wie sich diese dann ausdrücken, ist komplett unterschiedlich und daher betonen wir immer den gegenseitigen Austausch.

In Jordanien etwa erhält die Frauennationalmannschaft große Unterstützung und wird sehr gefördert. Die Nationalspielerinnen sind dort sehr zufrieden. Wie es im Breitensportbereich aussieht, kann ich leider nicht sagen.

Bei dem Expertinnenforum wurde ein Ausschnitt aus einer Sportschau in den 70er Jahren gezeigt, in dem die Fußballerinnen ganz offenen sexistischen Bemerkungen, wie „Oh, da sind jetzt drei Bälle im Spiel“ seitens des Kommentators ausgesetzt waren.

Den Frauen aus Nordafrika und dem Nahen Osten ist die Kinnlade herunter gefallen, weil sie so schockiert waren. Das zeigt sehr gut wie unterschiedlich Sexismus manifestiert wird. Man kann also nicht pauschal sagen, in Deutschland oder Europa ist es besser als in Nordafrika oder Südamerika.

 

Abschließende Frage. Worin besteht die Schwierigkeit für eine Frau als Fußballerin anerkannt zu werden?

Wenn du kraftvoll Fußball spielst, bist du zu männlich. Spielst du weiblich oder willst weiblich wirken, bist du zu weich für den Sport. Als Frau im Fußball kannst du es niemandem Recht machen.

Die Feminisierung des Fußballs hat vor allem durch die WM 2011 stark zu genommen. Dies geschah im Zuge der verstärkten Vermarktung der Spielerinnen.

Wir sind der Meinung, dass jede Frau Fußball spielen darf, egal wie lang ihre Haare sind, welche Hautfarbe oder Sexualität sie hat. Was uns stört, ist dass das Interesse beim Aussehen der Spielerinnen aufhört und sie nicht für ihr fußballerisches Können gewährt schätzt werden.

Sie wird nur dann als exzellente Sportlerin anerkannt, wenn sie auch in anderer Hinsicht der Norm entspricht. Äußerlichkeiten spielen schlichtweg eine zu große Rolle.

 

Was ist DISCOVER FOOTBALL?

„Mit DISCOVER FOOTBALL engagieren wir uns für Gleichberechtigung, Emanzipation und Frauenrechte, dabei setzen wir Fußball gezielt als Empowerment-Strategie ein.

Über den Fußball ermöglichen wir besondere Begegnungen, zeigen starke Frauen, vernetzen Frauenfußballteams und entwickeln Gender-Kapazität im Sport.

Fußball ist dabei für uns das Bindeglied, die gemeinsame Leidenschaft, aber auch Mittel und Symbol. Mit Fußball schaffen wir es, Frauen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen und Lebenserfahrungen zusammenzubringen und sich trotzdem auf Augenhöhe zu begegnen.

Fußball ist Begegnung, weltweit.“ (Eigendefinition des Vereins)

 

mehr zum Thema unter http://www.discoverfootball.de/

 

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