Der Traum von Lissabon

Denk ich an Sonntag, wird mir ganz anders. Es kribbelt, mir wird warm und kalt zu gleich, im Magen wird mir flau.

Dieses Gefühl kommt nicht etwa auf, weil ich am Wochenende in den Westen der Republik, ja schlimmer noch, nach Niedersachsen reisen muss, sondern weil meine Nervosität schlagartig zunimmt.

Ich wache morgens mit einem Countdown im Kopf auf, zähle die Tage bis denn endlich der 27. April ist. Ab diesem Tag steige ich auf das Zählen der Stunden um, bis endlich 17:15 Uhr ist und Esther Staubli die wichtigsten 90 Minuten der Saison anpfeifen wird.

Von diesem Moment an heißt es kämpfen für mindestens ein 1:1. Mehr ist nach einem 0:0 im Hinspiel nicht von Nöten, schließlich liegt der vermeintliche Auswärtstor-Vorteil nun bei Potsdam.  Wie gefährlich dieses Ergebnis aber auch sein kann, sah man am Ostersamstag. In diesem Spiel war alles möglich, von torreichen Unentschieden, bis hin zu einer kleineren Vorentscheidung für eine Mannschaft.

Beim Gedanken daran höre ich mich immer noch innerlich fluchen über die vergebenen Chancen („Mensch, Julia!“), wenn auch das Glück auf unserer Seite war. Sind wir ehrlich, das Ding von Popp muss eigentlich rein, viel offener wird das Tor nicht mehr werden. Beiden Mannschaften fehlte am Ende aber die Durchschlagskraft, sodass es am Sonntag sprichwörtlich wieder bei Null beginnt.

Die Bedeutung dieses Spiels ist sich jeder bewusst, ob nun auf dem Rasen oder auf den Rängen. Ein Sieg wäre der vorläufige Höhepunkt einer Saison, die so schwierig wie auch überraschend verlief.

Ich denke an das Pokalaus, die schmerzliche Niederlage zu Hause gegen Frankfurt. Das alles wird aber überstrahlt von diesem 14. November 2013. Ein Abend der historisch war in vielerlei Hinsicht.

Ein Schauer läuft mir immer noch herunter, wenn ich an den Moment denke, an dem sich Maren Mjelde bereit machte für einen Elfmeter, der alles verändern konnte. Ein Tor musste zu diesem Zeitpunkt her für das Weiterkommen, dies war die große Chance. Als wenn es nichts wäre, beförderte sie den Ball in das Tor von Sarah Bouhaddi. In der Folge wurde 15 Minuten auf dem Rasen gekämpft und vor dem PC oder auf der Tribüne gezittert, wann denn diese Viertelstunde endlich vorbei sein würde.

Als der Moment endlich gekommen war, brachen Dämme. Trotz aller Hoffnung, es war ein kleines Fußballwunder. Diese Nacht von Lyon bleibt unvergessen und raubte mir fast gänzlich den Schlaf.

Unzählige Male schaute ich auf mein Handy, um die Nachrichten zu überprüfen, ob das alles nicht doch nur eine Fantasie gewesen war. Für mich war dies eines der größten Spiele, das Turbine je abgeliefert hat.

Und allein deshalb darf die Reise nicht am Sonntag einfach enden. Dieses Team hat sich viel mehr verdient als das, es hat sich das Finale in Lissabon verdient, eigentlich sogar noch ein wenig mehr. Sollte es doch so kommen, das unser aller Träume (und Urlaubspläne) in der Volkswagen Arena in Wolfsburg begraben werden, wird meine Trauer nicht lange währen.

So oder so, diese Champions League Saison war etwas besonderes. Und sie zeigte eines, in Potsdam stehen wieder Frauen auf dem Platz, die sich über Leidenschaft, Kampf und Charakter definieren. Tugenden, die die Blau-Weißen groß gemacht haben und zwischenzeitlich ein wenig verloren schienen. Eine Mannschaft, die nie aufgibt, sie zerreißt sich in jeder Minute.

Sie werden es auch wieder am Sonntag für mindestens 90 Minuten tun, wenn das allein nicht reicht, ist die Zeit einfach noch nicht reif für das große Ganze.  Für mich wird es in jedem Sinne ein unvergesslicher Abend werden, den ein Sieg nur größer machen kann. Schmälern wird eine Niederlage ihn, wenn überhaupt, nur kurz.

Mein Gefühl sagt mir aber, dass ich mich am 22. Mai  auf einem blauen Plastesitz wiederfinden werde, mit Blick auf ein Spielfeld mit Tartarbahn.

In Lissabon.

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