Seit Freitagabend ist alles anders

Es ist nun ein paar Tage her, eine Zeit, die ich bewusst verstreichen ließ, ehe ich diesen Blogbeitrag verfasste. Noch immer ein wenig fassungslos über die Dinge, die passiert sein könnten und auch über das, was im Nachhinein zu lesen war.


IMG_6193Aber zum Anfang. Um 19:15 Uhr war das Spiel von Turbine beim VfL Wolfsburg eigentlich schon gelaufen. Die Schiedsrichterin zeigte Genoveva Anonma die rote Karte. Warum, war uns im Stadion zu diesem Moment nicht klar.

Dank moderner Smartphones und der Informationen der Facebook-Seite von Potsdam war schnell klar, die Karte war Folge einer Unsportlichkeit gegenüber der VfL-Trainerbank.

Ayo hatte ihnen den Mittelfinger gezeigt, warum war nicht bekannt. Aber schon in diesem Moment befiel mich ein Verdacht, dass etwas vorgefallen sein musste.

Das Spiel ging 2:0 verloren, nicht schön für uns, aber auch kein Weltuntergang, waren wir doch immer noch Zweiter, das Heft noch immer in unserer Hand.

Am Bahnhof angekommen, ging der Griff wieder zum Smartphone um zu lesen, ob es bereits Stimmen zum Spiel gab. Was ich stattdessen las, ließ mich sprachlos zurück. Bernd Schröder erklärte das Verhalten seiner Spielerin damit, dass sie von Seiten der VfL Bank eine diskriminierende Bemerkung über ihre Hautfarbe zu hören bekommen hatte.

Sie zeigte nur eine Reaktion darauf. Allein diese Tatsache wäre schon schlimm genug, nur es sollte in meinen Augen noch schlimmer werden. Denn die Dinge, die ich seit dieser Aussage zu lesen bekomme, sind ungeheuerlich.

Ausgedacht habe Anonma sich das, sie sei eh dafür bekannt auszurasten, Ralf Kellermann und sein Bank hingegen, wären immer die Ruhe in Person. Potsdam sei zudem nur neidisch, dass sie verloren haben, wir nicht nicht so tolle Spielerinnen wie der VfL haben und nicht mehr die alleinige Macht des deutschen Frauenfussballs sind.

Das was ich hier niederschreibe ist nur die Spitze des Eisberges. Ich könnte hier noch mehr ausholen und ganze Seiten füllen. Es fielen einige Wörter und Begriffe in Richtung unserer Spielerin, die ich hier jedoch nicht wieder geben möchte, weil sie einfach zu abscheulich sind.

Die meisten, die das schreiben, wissen wenig über Anonma. Für sie ist sie eine unfaire, überhart spielende Stürmerin, die vom Fußball ferngehalten werden sollte. Mir stellt sich immer wieder die Frage, wie man zu dieser Meinung kommt. Ja, es stimmt. Ayo ist eher die, die nicht zurückzieht, sie geht dahin wo es weh tut.

Einfach weil sie das Spiel liebt, es liebt Tore zu schießen, zu gewinnen. Andere Spielerinnen werden für solche Attribute im Übrigen gefeiert. Nur bei ihr hat es nichts mit Sport zutun. Auch bei diesem Spiel hätte sie kurz vor ihrer Hinausstellung eine gelbe Karte verdient gehabt. Das die Schiedsrichterin ihr Foul nicht pfiff, ist nicht ihre Schuld.

Ihre Art Fußball zu spielen muss niemandem gefallen, aber es auch nicht so, dass sie um sich wütet, immer in der Hoffnung eine Spielerin zu verletzen. Fußball, auch bei den Frauen, spielt man mit Körperkontakt, das vergessen wohl einige auf als auch neben dem Platz.

Im Gegenzug bekommt sie aber auch immer gut auf die Füße, sie versucht meist weiter zu laufen, anstatt sich fallen zu lassen. Eine Eigenschaft, die von einer gewissen Fairness spricht aber das will man wahrscheinlich nicht hören, es passt ja nicht in das Bild von ihr.

Genauso wenig passt aber ihr Verhalten vom Freitag in das Bild. Seit einigen Jahren ist die Äquatorialguineerin inzwischen in Deutschland. Zuerst in Jena, jetzt in Potsdam. Ich habe sie bei den Thüringerinnen als überragende Stürmerin kennengelernt, eine die richtig nervt, wenn sie beim Gegner spielt.

Immer voller Einsatz, manchmal zu ballverliebt und stur, aber welche Stürmerin ist das nicht. Sie ist aber auch ein Mensch, der sehr sensibel ist, der ein Lob mehr braucht als die Anderen. Jemand, auf den man sich einlassen muss. Wenn man sich diese Zeit nimmt, ist sie eine, die alles für ihren Verein tut. Nicht umsonst war sie so lange bei Jena, trotz der vielen Angebote von Topclubs. Andere unterschreiben da schneller als man ihren Namen sagen kann.

Von Beginn an sieht sie sich leider auch diskriminierenden Äußerungen vom Publikum ausgesetzt. Bei jedem Testspiel auf dem Dorf klingeln einem die Ohren. Der Witz mit zu „lange in der Sonne“ aber auch der des „Schwarzärgerns“ liegt dabei immer ganz weit vorne. Auch in der Bundesliga sind solche Sprüche keine Seltenheit.

Ein Beispiel, was nur exemplarisch ist und auch in jedem anderen Stadion hätte stattfinden können. In Wolfsburg saß ich keine 10 Minute, ehe schon der Erste kam und meinte: „Schau mal bei Potsdam spielt ja ne Farbige“. Vielleicht sehe ich das ja zu eng, aber ich persönlich finde, so etwas muss nicht sein. Die Frau hat einen Namen, zur Not eine Nummer falls man diesen nicht kennt.

Worauf ich aber hinaus will, nie ist sie in dieser Zeit durch solch eine Aktion aufgefallen, trotz der Bemerkungen. Noch nie hatte sie Rot aufgrund einer Unsportlichkeit gesehen. Warum also jetzt?
Zu diesem Zeitpunkt war in dem Spiel nichts vorgefallen, sie war auch im Moment des Platzverweises vollkommen ruhig. Als die Schiedsrichterin die Karte zog, zeigte Ayo Richtung Bank und dann auf ihre Haut, eine eindeutige Geste, die zu spontan war, um sie sich auszudenken.

Warum also diese Reaktion, an diesem Tag, zu diesem Zeitpunkt? Für mich gibt es nur eine Erklärung. Aus meiner Sicht muss etwas vorgefallen sein, was sie zutiefst verletzt hat. Anonma ist keine, die ihre Andersartigkeit, wenn man es so nennen möchte, ausnutzt um andere damit zu diskreditieren. Schließlich hat sie am eigenen Leib erfahren müssen, was Falschaussagen und Gerüchte anrichten können.

Im Vorfeld der WM in Deutschland wurde leider wenig über ihre Klasse als Stürmerin, sondern mehr darüber geredet, ob sie denn nun ein Mann wäre. Es gab keine Beweise, nur Aussagen und Gerüchte von Konkurrenten anderer afrikanischer Nationalmannschaften.

Ich persönlich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass sie gelogen hat. Mit dieser Meinung stehe ich zudem nicht alleine. Klar, es sind viele Potsdamfans unter ihren Befürwortern aber wer diese junge Frau nach dem Spiel am Zaun hat sitzen sehen, immer noch bitterlich weinend, der versteht vielleicht, warum ich so ohne Zweifel bin.

Es wird schwer werden, die Wahrheit in dieser Geschichte zu finden, wenn sie denn gefunden werden will. Die Tatsache, dass DFB-TV die Übertragung beim Schröder-Interview abbrach, als es interessant wurde, kann jeder für sich interpretieren.An alle, die im Übrigen glauben,Turbine erträgt es nicht gegen den VfL Wolfsburg verloren zu haben, noch eins: Diese Niederlage ist eine von vielen, sie schmerzt nicht mehr als andere, da hätte schon mehr kommen müssen.

Ich sage nur Pokalfinale 2009 oder UWCL-Halbfinale 2013 im Stade de Gerland. Das waren Niederlagen, die wirklich weh taten. Also liebe VfLer und wer das sonst noch so denkt, nichts für Ungut aber so wichtig seid ihr nicht, dass man sich so einen ungeheuren Mist ausdenkt. Einen Vorteil kann man daraus eh nicht ziehen. Ayo wird gesperrt werden, so oder so.
Zudem schadet solch eine Geschichte dem gesamten Frauenfussball, etwas was Bernd Schröder nie tun würde. Er liebt diesen Sport nämlich und hat mehr für ihn getan, als einige sich vorstellen können oder wollen.

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