Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Ich will gar nicht alles schön reden, ein Unentschieden, und dann noch nach einer 2:0-Führung gegen den Tabellenletzten, ist enttäuschend. Ich habe das Spiel nicht gesehen, kann mir also kein Urteil über die 90 Minuten machen, die am Ende aber nicht das gewünschte Ergebnis lieferten.

Ein Punkt aus den letzten drei Spielen, zu wenig für den Anspruch, die der Verein und die Spielerinnen an sich selbst haben. Wovon es aber anscheinend noch weniger gibt, ist eine gewisse Intelligenz.

Wie oft ich in den letzten Stunden das Wort „peinlich“ lesen musste oder wie auf die Mannschaft eingedroschen wurde und sich teilweise noch lustig gemacht wurde, nimmt Ausmaße an, die ich nicht akzeptieren will.

Das einzige was hier peinlich ist, ist das Verhalten einiger. Vor vier Wochen waren die 11 Frauen auf dem Platz noch göttlich, spielten den FFC an die Wand, ließen großes Erhoffen. Von Meisterschaften wurde schon wieder geredet.

Wenige Spiele später entdeckt man, dass der Kader keine Qualität hat, nicht fähig zu großen Taten ist. Es fehlen Führungsspielerinnen, der Trainer ist sowieso unfähig. Wieso, wieso nur holen wir nicht mal Spielerinnen wie der VfL oder die Bayern?

Es sind dieselben, die sich beschwerten, dass der Verein so viele Ausländerinnen verpflichtete, zu wenig auf die Jugend setzte und auch dieselben, die jubilierten, als man in Potsdam zurück zu alten Tugenden fand.

Ihr wolltet ein junges Team, eigenen Nachwuchs, nun lebt auch damit, dass eben solch eine Mannschaft anfälliger für Krisen, Schwankungen und Misserfolg ist. Erfahrung und Nervenstärke kann man sich nicht backen, sie kommt durch die Zeit.

Ich persönlich kann sehr gut damit leben. Natürlich ärgerte ich mich über die Niederlagen in Wolfsburg und gegen Bayern. Beide waren komplett unnötig, von dem 3:3 gegen den MSV ganz zu schweigen. Doch was haben denn einige erwartet?

Schon vor der Saison war mir bewusst, dass es kein Jubeljahr werden wird. Die Testspiele ließen vermuten, was jetzt eingetreten ist. Die Leistungen schwanken stark, das Selbstbewusstsein ist mal riesig, und mal nimmt es unverhofft die nächste Abfahrt nach Nirgendwo.

Turbine ist nicht mehr die Macht im Frauenfussball in Deutschland, dieser Wahrheit müssen sich einige bewusst werden. In einem Sport, der immer professioneller wird und in den somit auch mehr Geld fließt, wird es für einen Club aus Ostdeutschland schwerer werden mitzuhalten.

Es ist kein Zufall, dass auch bei den Männern kein Club aus der Region oben mitspielt. Fragt euch mal warum! Auf lange Sicht gesehen, ist die einzige Chance, das Ausbilden von Talenten, die sich mit dem Verein identifizieren und auch bereit sind für weniger Geld ihre Knochen hinzuhalten.

Diese Erkenntnis scheint bei dem ein oder anderen noch nicht angekommen zu sein. Führt euch vor Augen, dass bestimmte Vereine den Markt leer gekauft haben. Ich sage nicht, dass keine Titel mehr möglich sind, nur es wird um einiges schwerer als in der Vergangenheit. Der Aufwand, der betrieben werden muss, wird um einiges höher sein.

Und wenn ihr euch persönlich fragt, würdet ihr für eine Carolin Hansen 10.000 Euro im Monat hinlegen? Einfach nur, damit ein anderer Verein sie nicht haben kann. Eine Spielerin, die nur wegen der mehr an Nullen zum Verein wechselt, ist nicht die, die ich in Potsdam spielen sehen will. Denn es kommt immer ein Club, der mehr zahlt.

Potsdam-Fan zu sein ist gerade kein Vergnügen. Leidenschaft kommt aber nicht durch Zufall vom Wort „leiden“. Eben das, was man tun muss, wenn man sich wirklich für etwas begeistert.
Wir alle sind zurück auf dem Boden der Tatsachen.

Wer mit der Tatsache, dass die Titel wohl dauern oder gar nicht mehr kommen werden, nicht leben kann, sollte ehrlich zu sich sein und vielleicht einem anderen Verein die Treue halten.
Denn im Sport ist nichts berechenbar, auch wenn es seit einiger Zeit den Anschein macht, dass man Erfolg kaufen kann.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer den nötigen Charakter hat, um dies durchzustehen, auf und neben dem Platz. Trotz aller Enttäuschung sollte nämlich jedem bewusst sein, gerade jetzt sind es die Fans, die die Mannschaft braucht.

In Zeiten des Jubels sind sie nettes Beiwerk, in der Krise aber die wichtige Stütze, die ihnen den Rücken stärkt. Daher für jeden ein Pflichttermin, das Pokalspiel gegen Herford. Ein volles Stadion ist die beste Nachricht, die man von den Rängen senden kann.

Es gibt immer noch Ziele, die erreichbar sind und dies gelingt nur zusammen.

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